Was ist das eigentlich: das Allgäu?

Grenzsaum Allgäu

Wenns pressiert – für den Leser, der keine Zeit hat:

Allgäu = Alp-ge-äu = bergige Auenlandschaft
keine Verwaltungseinheit, sondern eine Landschaft ohne feste Grenze, fließender Übergang (siehe Karte)

Was ist das eigentlich: das Allgäu?

Schauen wir uns zuerst einmal den Namen an. Es heißt nicht etwa „der“ Allgäu, sondern „das“ Allgäu. Denn das Allgäu ist kein „Gau“ wie etwa der Breisgau, sondern ein Ge-äu; das „äu“ kommt von den Auen, den nassen Landschaften am Wasser; das „Ge“ ist das gleiche wie im „Ge-birge“: Viele Berge zusammen geben ein Gebirge, viele Auen ein Geäu.

Die erste Silbe „All“ kommt von den Alpen, von den Bergen. Das Alp-geäu (althochdeutsch: albegowe, alpigoi, alpegowe) oder Allgäu ist also eine bergige Landschaft mit viel Wasser und Wiesen.
Das sagen uns wenigstens die Sprachforscher, und damit ist es schon ganz gut beschrieben. Zweifellos ist das Allgäu eine sehr feuchte Gegend. In Deutschland regnet und schneit es nirgends so viel wie hier. Dafür scheint aber auch sehr oft die Sonne, und nur das unentschiedene Wetter gibt es bei uns glücklicherweise recht selten.

Das Allgäu ist keine Verwaltungseinheit, es ist kein staatliches Gebilde. Es ist eine Landschaft, die einen eigenen Charakter hat, und die Menschen, die darin wohnen, haben auch einen eigenen Charakter.
Das Allgäu hält sich an keine politischen Grenzen. Es hat nicht einmal als inoffizielle Region richtige Grenzen, sondern einen Grenzsaum. Es geht sozusagen allmählich in andere Landschaften über. Wenn man von Norden her ins Allgäu fährt, merkt man es an der Luft, die langsam kühler wird, an den Wäldern, die dunkler werden, an den Wiesen, die saftiger werden und an den Hügeln, Buckeln und zuletzt den Bergen, die sich immer größer aufschichten. Man kann es auch noch merken am immer häufiger werdenden Vieh, das graubraun ist und ein unvergleichliches „Gesicht“ hat, an der Sprache, die „härter“ wird, am häufigen, ergiebigen Regen und am langen Winter, an den Bauernhäusern und vielem anderen mehr.

„Das Algöw ist in Schwaben eine Gegend, … ein rauch, winterigs Land, in dem es allda vil Vich, Küw und Roß, vil Tannwäld, Vögel und Fisch“ gibt; das schrieb Sebastian Münster in seiner Weltbeschreibung im Jahre 1541. Die Rösser sind durch Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor ersetzt worden, aber Kühe und Nadelwälder, lange rauhe Winter, Vögel und Fische gibt es immer noch. Die Winter sind zwar nicht mehr rauh genug für den Skitourismus und -sport, aber es scheint, dass man daran selber schuld ist: die Autos, die die Rösser verdrängt haben, spucken so viel ungute Gase aus, dass das Wetter auch bei uns wärmer wird – und unberechenbarer.
Wissenschaftler haben, um die Grenzsäume des Allgäus zu ziehen, unter anderem folgende Gesichtspunkte herangezogen: die Naturlandschaft in Höhe, Gesteinen, Böden, Landschaftsformen von den Eiszeiten bis heute, Pflanzenbewuchs und Tierwelt, das Klima in Temperatur, Niederschlägen und Bewölkung, die Kulturlandschaft in Landbewirtschaftung, Bauernhausformen, die Geschichte vor allem der Besiedelung, die Ansichten der Allgäuer und Nichtallgäuer. Dabei kam unter anderem eine Karte heraus, die hier wiedergegeben ist. Sie zeigt einige wichtige Grenzen, die zusammen den erwähnten Grenzsaum bilden. (Die Karte stammt von Dr. Walter Jahn).

Das amtliche Allgäu

Das Allgäu ist also kein politischer Begriff und überhaupt nichts „Amtliches“. Seit der Gebietsreform 1972 gibt es im Freistaat Bayern aber drei Gebietskörperschaften, die offiziell und amtlich den Namen Allgäu führen: die Landkreise Ober-, Ost- und Unterallgäu. Aber zum Allgäu und seinem Saum gehören auch Gebiete in den bayerischen Landkreisen Lindau und Weilheim-Schongau, in den württembergischen Kreisen Ravensburg und Biberach; und in der Republik Österreich sind Bestandteile des Allgäus: das Kleinwalsertal in der Bezirkshauptmannschaft Bregenz, die zum Land Vorarlberg gehört, sowie Jungholz und das Tannheimer Tal in der Bezirkshauptmannschaft Reutte, die wiederum dem Land Tirol zugehört. Die kreisfreien Städte Kempten, Memmingen und Kaufbeuren liegen natürlich auch im Allgäu. Dagegen umfassen die Landkreise Ost- und Unterallgäu auch ein paar kleinere Gebiete, die eigentlich nicht so recht zum Allgäu gehören.
Es gibt in Bayern auch eine ganz amtliche „Planungsregion“ mit der Nummer 16, die den Namen „Allgäu“ trägt und ihren Sitz in Kempten hat. Leider wird da nicht fürs ganze Allgäu geplant.

Das Allgäu und Schwaben

Viele Allgäuer, die ja alle erst 1802 ff. mehr oder weniger zufällig zu „Beutebayern“ geworden sind, grenzen sich oft ganz streng von ihren Mitallgäuern jenseits der Landesgrenze nach Baden-Württemberg ab. Das ist die reine Willkür, dieselbe Willkür, die seinerzeit die Landesgrenze gezogen hat, nachdem sie vorher die vielen reichsfreien, also nahezu souveränen weltlichen und kirchlichen Städte und Herrschaften und Stifte aufgehoben und den neuen selbsternannten Königreichen Württemberg und Baiern zugeschlagen hat.
Viele Allgäuer weisen es noch viel mehr entrüstet von sich, wenn jemand sagt, sie seien Schwaben. Sie sind es aber, alles Leugnen hilft da nichts.
„Schwaben“ oder „Sueben“ wurde ein germanischer Stamm genannt, der in der Völkerwanderungszeit von der Gegend, die heute Brandenburg heißt, über das Rheinland nach Süden und Südwesten gezogen ist und hier sozusagen „verhanget“ ist, das heißt die Schwaben haben sich hier niedergelassen. Vom Elsass bis in die Schweiz ist das ein Stamm, der von außen mal als „Alemannen“, mal als „Schwaben“ bezeichnet worden ist. Die Alemannen haben ja in einigen Sprachen, zum Beispiel im Französischen, ganz Deutschland ihren Namen geliehen: „l’Allemagne“ steht für Deutschland, obwohl es, streng genommen, „Schwaben“ heißt.
Zu diesen Schwaben gehören die Allgäuer, und damit gehört auch das Allgäu zu der Gegend, die vom Stamme der Schwaben besiedelt ist und die deshalb Schwaben heißt – auch wenn mancher mit mehr oder weniger guten Gründen annimmt, dass ausgerechnet im Allgäu die Schwaben nicht gar so „reinrassig“ seien wie anderwärts: Reste der römischen und sogar der keltischen Bevölkerung, die vor den Alemannen hier wohnte, sollen sich bis heute genetisch durch die Allgäuer ziehen.
Aber die Allgäuer sind natürlich nicht bloß irgendwelche Schwaben. Es gibt ja schließlich ein „Oberschwaben“, also ein höher gelegenes Schwaben, und was läge wohl höher als das Allgäu? Da „Oberschwaben“ schon für die Gegenden um Ravensburg, Biberach, Wurzach und Waldsee reserviert ist und das Allgäu offensichtlich deutlich noch höher liegt und etwas Besonderes ist, müsste es eigentlich noch eine Steigerung geben. „Oberstschwaben“ klingt halt leider nicht so gut, auch wenn Oberstdorf ein schöner Ortsname ist; also steigern wir eben: Schwaben – Oberschwaben – Allgäu; und wenn einer das nicht nur als Bezeichnung der Höhe über Normal Null sehen will, sondern auch als Qualitätsabstufung, dann soll es uns gerade recht sein. Man hat schon gesagt, die Allgäuer seien eben „Edelschwaben“, wie der Schimmel auf ihrem Camembert Edelschimmel sei. Der Vergleich ist uns aber zu böse, und wir geben ihn hier deshalb nur mit ausdrücklicher Distanzierung wieder.

Das Alemannische und das Schwäbische

Manchmal hört man, durchs Allgäu laufe ein weiterer Grenzsaum: zwischen dem Schwäbischen und dem Alemannischen. Die Grenze gibt es wirklich; südlich und westlich von ihr spricht man eine ältere Sprache als nördlich und östlich, einen urigeren Dialekt. Den nennt man manchmal „Alemannisch“, aber das hat nichts mit dem Stamm zu tun. Im „Alemannischen“, das heißt im oberen Allgäu und im Westallgäu, sagt man Hus oder Hüs und Lit oder sogar Lüt; weiter östlich und nördlich sagt man „Haus“ und „Leit“ (schriftdeutsch: „Haus“ und „Leute“). Diese innere Sprachgrenze hat sich im Laufe der Zeit immer weiter in die Berge zurückgezogen. Ganz früher haben alle so gesprochen. Doch oberhalb und unterhalb der Grenze sind Allgäuer.

Auch wenn die Sprachforscher also einen Unterschied machen: Die Alemannen bleiben Schwaben und umgekehrt, und die Allgäuer auch.

Das „Allgäu der Heimatpflege“

Nur zur Abgrenzung seines Arbeitsgebiets hat der Heimatbund Allgäu auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungen im Jahre 1956 festgelegt, wo sein „Allgäu der Heimatpflege“ anfängt und aufhört. Diese „Grenzen“ sind natürlich nicht unverrückbar, undurchlässig und für die Ewigkeit gemacht, sondern zuerst einmal nur für die eigene Arbeit gedacht, und außerdem nur Anhaltspunkte. Diese Gegend kann zum Allgäu gerechnet werden, muss aber nicht (vor allem dann nicht, wenn ihre Bewohner sich selber nicht als Allgäuer fühlen). Es ist eben ein Kompromiss aus der Notwendigkeit, irgendwo eine Grenze zu ziehen, und der Tatsache, dass es in der Wirklichkeit immer nur fließende Übergänge gibt.

Der äußere Saumrand der Landschaft Allgäu verläuft danach, im Uhrzeigersinn betrachtet, ungefähr entlang dieser Gemarkungen (frühere Gemeinden), Orte und Landschaftsteile:
im Norden: Memmingen – Erkheim –– Bad Wörishofen – im Osten: Kaufbeuren mit Frankenried, Thalhofen und Pforzen – der Lech – Schongau – Lauterbach – Steingaden – Trauchgau – Buching – Schwangau – Füssen – Vils – im Süden: der Hauptkamm der Allgäuer Alpen, einschließlich der Hornbachkette und dem Gebiet um Vils, dem Tannheimer Tal und dem Kleinwalsertal, am Nordrand des Bregenzerwaldes entlang
im Westen: Hohenweiler – Schlachters – Neuravensburg – Amtzell – Waldburg – Wolfegg – Arnach – Reichenhofen – Aitrach
Vor der Gebietsreform waren das 266 Gemeinden.

Der Heimatpflege geht es nicht darum, sich für etwas Besseres zu halten und sich abzugrenzen. Hinter jeder Grenze kommt auch eine Heimat. Nur müssen diese Heimaten nicht alle gleich und einheitlich, sondern sie sollen und dürfen bunt und vielfältig sein.

Hilmar Sturm

Lektüre

Wer schnell, übersichtlich und unterhaltsam das Allgäu, seine Landschaft, Geschichte und vieles andere mehr kennenlernen will, greift am besten zu ein paar Büchern:

    • Peter Nowotny: Fenster zum Allgäu. Verlag für Heimatpflege, Kempten (Allgäu)
    • Alfred Weitnauer: Bei uns im Allgäu. Verlag für Heimatpflege, Kempten (Allgäu),

zahlreiche Auflagen, leider vergriffen, aber Sie finden es in vielen Büchereien. Alle Werke dieses Autors können wir Ihnen ans Herz legen.

Wer es ganz genau wissen will, wo das Allgäu anfängt und aufhört und warum, der greife zu diesen Büchern:

  • Walter Jahn: Strukturwandel und Abgrenzung der voralpinen Allgäuer Kulturlandschaft. Kempten (Allgäu) 1954
    (= Allgäuer Heimatbücher, Verlag für Heimatpflege; zugleich in den Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in München, 39. Band, 1954).
  • Walter Jahn: Das Allgäu. Typ eines harmonischen Raumindividuums, in: Berichte zur deutschen Landeskunde, 16. Band, 2. Heft, April 1956, S. 147–161 (auch als Sonderdruck).
  • Walter Jahn: Begriffsinhalt, Raumvorstellung und Zukunftswert der Landschaftsbezeichnung Allgäu, in: Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in München, Band 53, 1968, S. 205–225 (auch als Sonderdruck).
  • Walter Jahn: Das Allgäu. Materialien und Anleitungen zur analytischen und synoptischen Raumbetrachtung. München und Paderborn 1979 (Himmelstoß/Jahn, Erdkunde, Sekundarstufe II, Studienprojekte).
  • Walter Jahn: Der Landschaftsname Allgäu im Wandel der Zeit: Reichweiten-Ambivalenz als Folge sich ändernden Sinngehaltes. Kempten (Allgäu) 1990
    (= Allgäuer Heimatbücher, 89. Bändchen, Verlag für Heimatpflege; zugleich erschienen in den Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in München, Band 74, 1989, S. 107–162).